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True North präsentiert Werke von sieben zeitgenössischen Künstlern, deren Foto- und Videokunst Bezug nimmt auf die Tradition der romantischen Landschaftsmalerei sowie auf deren Echo in der Pionierzeit der Fotografie. Im Gegensatz zu ihren romantischen Vorläufern beziehen die gezeigten Arbeiten kritische Positionen zu Geschichte und Politik und widersetzen sich dem Ideal eines unberührten, unwandelbaren Nordens. In vielen der melancholisch gestimmten Fotos und Videoprojektionen klingt der Verlust einer ursprünglichen Reinheit an. Sie beleben die angeblich unberührte Landschaft des Nordens mit menschlichen Akteuren, die die unerbittliche Natur der Region bewohnen, besiedeln oder auf andere Art zu erfahren suchen.



Glaspass (Walks #10), 2001
© VG Bild-Kunst, Bonn 2007, 2001 Thomas Flechtner


Die Exponate der Ausstellung, die zum Großteil der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museum entstammen, eröffnen einen elegischen Blick auf eine Gruppe internationaler Künstler, die an verschiedenen Orten des Nordens gelebt oder gearbeitet haben, unter anderem in Island und Kanada.

Der Horizont – oder dessen Abwesenheit – zieht sich als Leitmotiv durch die Ausstellung. In Pi (1997–1998), einem raumfüllenden Rundpanorama aus Fotografien, beschreibt Roni Horn mehrfache Kreisläufe, die in und um Island ablaufen: Ein Paar lässt sich keine Folge der Fernsehserie Guiding Light entgehen, den Leistungszyklus der Eiderenten und die Gezeiten des Meeres. Olafur Eliassons The glacier series (1999) arrangiert 42 Bilder eines Gletschermassivs, aufgenommen aus einem Propellerflugzeug, in Form eines seriellen Rasters. Der gegen den Bildrand gedrängte Horizont unterbindet romantische Assoziationen. Hingegen bleibt die Grenze des Blickfelds in Elger Essers Ameland-Pier X (2000) das einzige wahrnehmbare Merkmal einer entmaterialisierten weißen Landschaft.



Nu•tka• (installation view), 1996
© Stan Douglas





Palindrome (film still), 2001
Courtesy des Künstlers und Julie Saul Gallery
© Orit Raff


Andere Werke, etwa Palindrome (2001) von Orit Raff oder Glaspass (Walks #10) (2001) von Thomas Flechtner, machen deutlich, wie aussichtslos alle Annäherungen an die Welt des Nordens sind, die extreme Anforderungen an die Handlungs- und Überlebensfähigkeit des Menschen stellt. Die Darstellerin in Raffs Video stapelt zwanghaft Filzmatten, um Wärme zu erzeugen. Ihr vergebliches Bemühen mutet noch rätselhafter an, wenn man es mit dem Verhalten des Kojoten vergleicht, der in eingeblendeten Filmszenen gewandt durch sein eisiges Revier streift. Flechtner, der häufig ferne Weltgegenden aufsucht, stellt die menschliche Anwesenheit in der Nordlandschaft infrage. Glaspass (Walks #10) dokumentiert die Skispur, die der Künstler in die topografische Kontur eines Schneehangs gezeichnet hat. Im Gegensatz dazu vergnügen sich die Skifahrer in Armin Linkes Ski Dome, Tokyo, Japan (1998) im künstlichen Norden einer inzwischen abgerissenen Skihalle am Rande Tokios.



Nu•tka• (installation view), 1996
© Stan Douglas


True North untersucht darüber hinaus die Funktion des Nordens als Ort des politischen Konflikts und der historischen Verdrängung. In der Videoinstallation Nu•tka• (1996) deckt Stan Douglas innere Widersprüche in der Wildnis Westkanadas auf, indem er zwei versetzte Filmaufnahmen des entlegenen Gebiets überblendet und mit verschiedenen gesprochenen Texten (unter anderem aus Entdeckerberichten des 18. Jahrhunderts) kombiniert. Douglas charakterisiert den Norden als Stätte eines traumatischen Verlusts, deren Landschaft von der menschlichen Zwietracht gezeichnet ist.

Die meisten erleben den Norden nur aus der Distanz, durch Vermittlung diverser Medien. Als Idee bietet er indessen die Chance, die Beziehung zwischen Realität und Repräsentation näher zu bestimmen. Viele der Werke in True North erforschen diese Beziehung. Sie zeigen einen Norden im Wandel, der auslöscht, überwältigt oder wehmütig verschwindet.



The glacier series, 1999
© Olafur Eliasson