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Artist's Statement
Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben: Nichts auf der Welt kann Ausdauer ersetzen. Talent? Talentierte Versager gibt es wie Sand am Meer. Genialität? Genialität wird selten belohnt. Ausbildung? Studierte Leuchten stehen vor dem Arbeitsamt Schlange. Nur Ausdauer und Unternehmungsgeist bringen dich ans Ziel.


Ray Kroc

Nutsy's ist ein autonomes Environment in den Maßstäben 1:1 und 1:25. Die 1:1-Elemente sind auf die Besucher/-innen abgestimmt, die 1:25-Elemente auf die ferngesteuerten Mini-Z-Rennautos, Marke Kyosho Electronics. Mindestens ein Nutsy's-Aufseher ist für den tagtäglichen Betrieb von Nutsy's verantwortlich. Der Inspekteur wartet die Mini-Z-Flitzer, sorgt für Ordnung und Sicherheit, behebt Probleme mit der Elektronik, gestaltet das Musikprogramm, nimmt Fahrprüfungen ab und gibt Führerscheine an Besucher/-innen aus, die einen Boliden aus dem Nutsy's-Rennstall steuern wollen.
Am Autorennen Nutsy's Cup kann jeder/jede teilnehmen, der/die ein Mini-Z-Auto besitzt. Das Pistenpersonal muss vollzählig versammelt sein: zwei Nutsy's McDonald's-Arbeiter; ein Rennleiter, der den Wettbewerb überwacht und die Zeiten abnimmt; ein DJ, der für Musikuntermalung sorgt; ein Mechaniker, der die Autos repariert und mindestens vier Aufseher, die für einen reibungslosen Rennverlauf sorgen. Die Namen der Gewinner/-innen werden in den Nutsy's Cup eingraviert. Der Champion darf den Pokal behalten, solange er/sie den Titel verteidigen kann.


Tom Sachs


Curatorial Statement
In Nutsy's treffen Moderne und der aktuellen Zeitgeist aufeinander. Sachs lässt sie zum Wettstreit in einer Arena antreten, in der das hyperreale Flair der heutigen Unterhaltungskultur weht. Er präsentiert ein handgemachtes Videospiel und lässt die elektronische Inspiration aus dem Atelier hinaus in den Realität. Wie im Videospiel führt jedes Szenario von Nutsy's in eine Story, in eine Gegend der Gegensätze, in der man sich zurechtfinden muss, um erfolgreich zu punkten. Sachs' Installation ist ein Schauplatz der Kreisläufe und Wettläufe, wo ein «Search and Destroy»-Kommando der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts die Vergangenheit und Gegenwart durchkämmt.

Nutsy's ist eine Oszillation imaginärer Wirklichkeiten, während sie sich einen Weg durch europäische und amerikanische, kapitalistische und sozialistische, moderne und postmoderne, utopische und dystopische Mythen und Realitäten bahnt. Modelle von Le Corbusiers Unité d'Habitation und Villa Savoye, ein Park für moderne Kunst, ein McDonald's, eine DJ-Kabine mit Plattenspielern, ein Gettoviertel: Die Stationen auf der Landkarte der Installation lesen sich wie ein zerbrochenes Andenken an die Illusionen und Desillusionen der Moderne, die Auf- und Abschwünge der Konjunktur. Über kurz oder lang verliert der Internationale Stil seinen Titel an den «universalen Kommerzstil». Wie Sachs' Installation beweist, steht die Moderne trotz ihrer hochfliegenden Ziele und Leistungen der Realität der Firmenübernahmen völlig wehrlos gegenüber: Corbusier mutiert zu McBusier, ein Drive-thru-McDonald's à la Villa Savoye.

Sachs hinterfragt in seiner postmodernen Bricolage die Leitmotive der Moderne: Produktion, Konsum, Zirkulation. Nutsy's ist ungeachtet der architektonischen und historischen Zitate ein echtes Kind seiner Zeit, voller Schleichwerbung und aufgemacht im Look des Actionfilms, der selber immer mehr zum Werbespot für die nächste elektronische Game-Version des Films degeneriert. Der Film prägt «unsere» (sprich: amerikanische) Welt und liefert uns das Drehbuch für Dialog und Handlung im wirklichen Leben. Während das Product Placement der Bauikonen in Nutsy's sofort ins Auge sticht, bemerkt man erst später, dass heterogen erscheinende Aspekte der Stadt gleichfalls als Produkt vorgeführt werden.


Neben seiner Darstellung von der Macht der Massenvermarktung tauchen überall in Nutsy's Neigungen zu Widerstand und Verstoß auf: gestohlene Straßenabsperrungen, McDonald's ohne Lizenzerlaubnis und nachgebaute Barcelona-Sessel. Wie die Vuitton-, Prada- und Gucci-Imitationen, die ganz offen an den Straßenecken der Weltstädte verhökert werden, plädiert Nutsy's für die Errichtung einer Alternativökonomie, die gleichwohl aus dem Markenzwang des Massenkonsums Profit schlägt. Sachs' Eigenbau-McDonald's hat seinen Vorläufer im ersten Drive-in der Fastfood-Kette, mit dem der smarte Geschäftsmann Ray Kroc sein Imperium begründet hat. Desgleichen bezeugt die handwerkliche Qualität von Sachs' «notwendigen Objekten» einen Erfindergeist, der sich von den Rechtsanwälten der Konzerne nicht einschüchtern lässt.

Nutsy's lädt uns ein, ökonomische, geografische, architektonische oder ideologische Grenzen neu zu überdenken, die soziopolitischen Strukturen zu erkennen, die uns einzäunen, definieren und demarkieren, und die gebaute Umwelt für eine Umwertung zu öffnen.


John G. Hanhardt und Maria-Christina Villaseñor
Ausstellungskuratoren, Solomon R. Guggenheim Museum New York





Nutsy's McDonalds
© Tom Sachs
Foto: Van Neistat



Nutsy's CUP - 1. bis 5. Oktober 2003

Tom Sachs und sein Studio-Team aktivieren während Nutsy's Cup die Installation Nutsy's. Neben einem Rennen mit professionellen Fahrern gibt es Musik sowie Fastfood von Nutsy's McDonald's. Besucher sind eingeladen am Nutsy's Cup teilzunehmen.

SPECIALS
01.10.03 - Meet the artist, 18 - 21 Uhr
04.10.03 - Children's Race (7-14 Jahre), 15 - 18 Uhr


Zur Ausstellung finden Sie folgende Beiträge in www.db-art.info, dem online Kunstmagazin der Deutschen Bank:

- Remote Control: Cheryl Kaplan hat Sachs in seinem New Yorker Studio besucht und ihn zu den Hintergründen für seine Installation "Nutsy's" interviewt.

- Kontrolliertes Chaos: Maria Morais stellt die Ausstellung in Berlin vor.

- Waffen, Status Shopping: Oliver Koerner von Gustorf über die Erfolge und Skandale, die seit einem Jahrzehnt Tom Sachs' Werkstatt "Allied Cultural Prosthetics" begleiten.

- Die Fragilität der Symbole: Der Kurator Norman Kleeblatt über Tom Sachs' "Prada Death Camp", das im letzten Jahr in New York heftige Kontroversen auslöste.