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Mit dieser Ausstellung zeigt das Deutsche Guggenheim eine in Europa nahezu unbekannte Seite des amerikanischen Malers und abstrakten Expressionisten: Jackson Pollocks zeichnerisches Werk.
Während seines kurzen, aber außergewöhnlichen künstlerischen Werdegangs hat Pollock rund siebenhundert Arbeiten auf Papier in unterschiedlichen, traditionellen Techniken geschaffen - Bleistift, Tusche, Aquarell, Gouache und Collage -, und später auch in gegossener Emailfarbe. Als er im November 1943 seine erste Einzelausstellung in der Daylight Gallery von Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century bestritt, entschied sich der Künstler dafür, sowohl Gemälde als auch Zeichnungen zu zeigen. Diese Wahl mochte zum Teil auf praktischen Erwägungen beruht haben, da kleinere Werke rascher und leichter zu verkaufen waren. Hauptmotivation war jedoch Pollocks Überzeugung, dass seine Gemälde auf Leinwand und seine Werke auf Papier als Ausdruck seiner künstlerischen Intention gleichermaßen Beachtung verdienten. Seit dieser Ausstellung beinhaltete mindestens die Hälfte seiner Einzelpräsentationen zu Lebzeiten eine annähernd gleiche Anzahl von Gemälden und Papierarbeiten.



Portrait des Künstlers, 1951
© Arnold Newman/ Liaison Agency/ Getty Images


Die stilistische Entwicklung von Pollocks Zeichnungen entspricht grundsätzlich der seiner Gemälde. Sie lassen sich in vier Kategorien einteilen. Die erste, von ca. 1935 bis 1941 zu datierende Gruppe ist durch figurative Elemente wie menschliche Gestalten und Fantasiewesen gekennzeichnet. Sie umfasst drei komplette Skizzenbücher, die nach dem Tod des Künstlers auftauchten, und ein Konvolut von Zeichnungen, die zumeist mit der psychoanalytischen Behandlung in Verbindung stehen, der sich der Künstler unterzogen hatte, um seine Alkoholsucht zu überwinden.



Untitled, c. 1939-42
Color crayon and pencil on paper, 38,3 x 28 cm
© Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Die zweite eingrenzbare Gruppe bildet ein Korpus stilistisch bereits ausgereifter Werke, der zwischen 1942 und 1947 entstanden ist und zeitlich ungefähr Pollocks Verbindung mit Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century entspricht. Diese Papierarbeiten zeichnen sich durch eine exzentrisch-skurrile Ikonographie aus, die der Künstler unter anderem als Reaktion auf die Einflüsse des Surrealismus entwickelt hatte. Aus mythischen Motiven, kalligrafischen Zeichen und einer vibrierenden, intensiven Farbpalette schuf Pollock emotional aufgeladene Gemälde und Grafiken, die das figurative Sujet beibehalten, dabei jedoch gleichzeitig die abstrakten Eigenschaften von Umgebung und Bildraum hervorheben.



Untitled, c. 1946
Gouache and pastel on wove paper, 57,2 x 78,1 cm
© Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Die aus dieser Verschmelzung von Abstraktion und Figuration hervorgegangene dritte Gruppe dokumentiert Pollocks künstlerischen und persönlichen Durchbruch. Sie ist in der intensiven Schaffensperiode zwischen der zweiten Hälfte des Jahres 1947 und 1950 entstanden und zeigt reine Abstraktion. Mit ihr löste sich Pollock nicht nur von der traditionellen figurativen Darstellung und Thematik, sondern wandte auch den gebräuchlichen Zeichen- und Malutensilien den Rücken zu. Statt mit Stift oder Pinsel direkt auf den unterschiedlichen Malgründen zu arbeiten, tropfte, schüttete und spritzte Pollock die Farbe nun aus einer gewissen Entfernung oberhalb der am Boden ausgebreiteten Bildfläche auf das Papier oder die Leinwand. Diese Drip-Techniken waren zwar nicht unbedingt seine eigene Erfindung, doch bleiben sie untrennbar mit seinem Namen verbunden, da er sie zu neuen Extremen vorantrieb.



Untitled, Green Silver, 1949
Enamel and aluminium paint on paper mounted on canvas, 57 x 78,2 cm
© Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Die vierte und letzte Stilgruppe charakterisiert eine weitere Verfeinerung der Tropftechnik. Die Zeichnungen sind zwar stilistisch noch auf Pollocks Gemälde aus dieser Zeit bezogen, doch während frühere Zeichnungen eine deutliche Verbindung zu größeren Leinwandformaten aufwiesen, sind diese späteren Beispiele unübersehbar Experimente, die den Auftrag flüssiger Medien auf poröses Papier erkunden. Ebenso wie die zwischen 1950 und 1952 vollendeten Leinwände zeigen diese Zeichnungen einen offenen, lichten Grund, durchsetzt mit lyrischen Kompositionen kalligrafischer Formen. In den letzten vier Lebensjahren Pollocks – er kam am 11. August 1956 bei einem Autounfall ums Leben – entstehen kaum noch Zeichnungen und entsprechend auch nur wenige Gemälde.

Susan Davidson