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Bruce Nauman: Theaters of Experience

Das Werk des amerikanischen Künstlers Bruce Nauman (geb. 1941) zeichnet sich besonders durch seine provokante und vielseitige Arbeitsweise aus. Das Spektrum der von Nauman verwendeten Medien, von Holografie über Neonröhren bis zu Videoarbeiten, spiegelt die Themenvielfalt seines Oeuvre wider, das von den Bedingungen der Kunstproduktion bis zur Frage nach der ‚Conditio Humana' reicht. Mit einer repräsentativen Auswahl von 13 Arbeiten untersucht die Ausstellung Bruce Nauman: Theaters of Experience seinen Einsatz von Performance-Strategien als Mittel für eine gesteigerte Selbstwahrnehmung von Künstler und Betrachter. Wie viele Künstler der 60er Jahre verwarf auch Nauman für seine Arbeit das traditionelle, in sich geschlossene Kunstobjekt als Ausdrucksform. Er zielte vielmehr auf eine Kunst, die reale Erfahrung ermöglicht. Seine Werke wurden dabei von zeitgleichen Entwicklungen in Tanz, Musik und Film beeinflusst, die das Thema "Zeit" zum Ausdruck bringen. Sein Atelier als eine Art Theaterlabor nutzend, verwertete Nauman tägliche Routine und Gewohnheiten. Tätigkeiten wie das einfache Auf- und Abgehen wurden gefilmt und entwickelten in ihrer Dokumentation einen zunehmend inszenierten Charakter. »Ein Bewusstsein seiner selbst«, so Nauman, »gewinnt man durch ein bestimmtes Maß an Aktivität ... .« Die Konzentration auf die bewusste Aktivität steht bei Nauman in enger Verbindung mit der Doppeldeutigkeit des englischen Wortes to act (handeln, schauspielerisch darstellen): Sobald man mit einem bestimmten Grad an Bewusstheit handelt, wird man zum Schauspieler. Wenn Nauman Gesten für die Kamera immer wieder fast rituell wiederholt, verleiht er ihnen Gestalt und Bedeutung. Sie erhalten damit einen sowohl fesselnden als auch absurden Charakter. In ihren Endlosschleifen zeigen Naumans Videoarbeiten eine Erzählung ohne Anfang und Ende und halten so das eigentümliche Kontinuum des Lebens fest.



Art Make-up No. 1: White (Detail), 1967-1968
16mm color films, silent - Videostill
© VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Während Nauman sich zunächst auf sich selbst als Gegenstand konzentrierte, rückte ab den 70er Jahren der Betrachter ins Zentrum seines Interesses. Performance Corridor (1969), das erste von Nauman gebaute Environment, markiert diesen Übergang.


Der Künstler wird vom Performer zum Regisseur: Durch einen schmalen Gang aus Sperrholz, sechs Meter lang und 45 Zentimeter breit (ein Maß, das sich aus der Breite der Hüften des Künstlers ergab), stolziert Nauman in der übertriebenen, stilisierten Haltung antiker Skulpturen in Walk with Contrapposto (1968) den Korridor entlang. Abgeleitet von der eigenen Erfahrung des Künstlers, kann im Performance Corridor nun der Betrachter diese Handlung selbst durchführen, den eigenen Körper wahrnehmen. Die Korridore und Räume des Künstlers verwandeln sich in Bühnenbilder, auf die der Betrachter aktiv reagiert. Nauman selbst verschwindet aus seinen Arbeiten, choreographiert jedoch die Aktivitäten und Reaktion des Betrachters. In die auf Performance Corridor folgenden Environments integriert Nauman Spiegel, Kameras und Monitore. Er gibt dem Betrachter somit die Möglichkeit der Selbstwahrnehmung. An Zerrspiegel in Jahrmarktsbuden erinnernd, wecken diese Bilder ähnliche Zweifel an Realität und Authentizität. Wie schon seine Atelierfilme, die keine befriedigende Auflösung anboten, versagen auch die Korridore dem Betrachter das beruhigende Gefühl des Vertrauten.



Art Make-up No. 2: Pink (Detail), 1967-1968
16mm color films, silent - Videostill
© VG Bild - Kunst, Bonn 2003 / 2004


Mit der Politisierung seines Werkes in den achtziger Jahren erweiterte Nauman sein Vokabular um eindeutig theatralische Figuren wie Clowns, Narren und Pantomimen. Das Maskeradenhafte des gesellschaftlichen Theaters bekommt in Naumans Arbeiten somit eine gewichtigere Rolle. Die Arbeit Mean Clown Welcome (1985), in der zwei Clowns immer wieder erfolglos versuchen, einander die Hand zu geben, bringt die Selbstentfremdung, die der Betrachter in den Korridoren erlebt nun, auf andere, neue Weise zum Ausdruck. Erkennbar und doch hinter einer Maske verborgen, ist der Clown vielleicht nur ein weiteres Spiegelbild des Publikums oder unserer eigenen tragikomischen Situation auf der Bühne der Welt - unserer so oft scheiternden Kommunikationsversuche. Den Abschluss der Ausstellung bildet Raw Material - BRRR (1990), eine Videoinstallation, in der Nauman nach zwanzig Jahren zum erstenmal wieder als Hauptfigur in einer seiner Arbeiten auftaucht. An seine frühere Auseinandersetzung mit dem Ich erinnernd, vervielfältigt, verzerrt und entkörperlicht diese Arbeit das Bild des Künstlers. Als »talking head« - eine andere Art von Performer - stößt Nauman einen anscheinend sinnlosen Laut aus, der jedoch auch als der Anfang seines Vornamens verstanden werden kann: »BRRR«. Der Titel »Raw Material« verweist auf ein noch zu entfaltendes Potential und erinnert an die Möglichkeiten, welche Naumans existenzielles Theater durch die Kraft der Selbstbetrachtung eröffnet.