>> Einführung / Robert Mapplethorpe
>> Programm / Führung
>> Edition / No 28
>> Info / Wann und Wo
>> Presse / Aktuell

>> Vorschau
>> Archiv





Diese Ausstellung untersucht den Dialog zwischen dem fotografischen Werk von Robert Mapplethorpe (1946–1989) und der klassischen Kunst, speziell in deren Überlieferung durch die Druckgrafik des holländischen und flämischen Manierismus. Kupferstiche und Holzschnitte von Meistern wie Hendrick Goltzius, Jan Harmensz. Muller, Jacob Matham und Jan Saenredam werden durch eine Gruppe von Skulpturen ergänzt, die den Brückenschlag zur Antike vertiefen und Mapplethorpes Œuvre in einen breiteren kunsthistorischen Zusammenhang stellen.

Der Manierismus war ursprünglich eine italienische Strömung, die nach dem Tod Raffaels 1520 entstand und in den folgenden hundert Jahren auf andere europäische Länder übergriff. Italienische Künstler bereisten den Kontinent und im Gegenzug kamen ausländische Künstler nach Italien, die mit ihrer persönlichen Interpretation antiker und zeitgenössischer italienischer Stile in die Heimat zurückkehrten. Manieristische Druckgrafiken entstanden in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und in Prag. Die flämischen Manieristen orientierten sich rein äußerlich an italienischen Vorbildern, ohne sie direkt zu kopieren, und vermengten hellenistische Einflüsse mit der Arbeit nach der Natur.



Barthélémy Prieur, Junge Frau, sich die Nägel schneidend, ca. 1565
Bronze, Height: 3 5/16 inches (8,4 cm)
Kupferstichkabinett, Skulpturensammlung,
© Staatliche Museen zu Berlin, Preussischer Kulturbesitz


Charakteristisch für den Manierismus sind kompositionelle, emotionale und narrative Elemente, die anstelle des Ideals der Hochrenaissance – Gleichgewicht und Harmonie – eine bewegte Dynamik entwickeln. Die klassische Proportion wird aufgehoben, um einzelnen Partien mehr Gewicht zu verleihen. Die menschliche Figur erscheint nackt, in die Länge gezogen und mit übertriebenen Details angereichert, mit denen der Künstler seine Virtuosität anatomischer Darstellung unter Beweis stellen will. Das akzentuierte Muskelrelief, das man schon bei Michelangelo und seinen Nachfolgern antrifft, wird besonders von Goltzius auf die Spitze getrieben. Obwohl die Bildwirkung und -dramatik durch die Darstellung verzerrter Körper gesteigert wird, bleiben Eleganz, Anmut und Geist Schlüsselmerkmale der manieristischen Ästhetik. Dies zeigt sich in der Wahl mythologischer und allegorischer Motive wie die, der drei Parzen, der fünf Sinne und der sieben Tugenden.


Die energie- und gefühlsgeladene Macht der Liebe und des Eros, die viele der manieristischen Exponate durchwirkt, bestimmt auch das Schaffen Robert Mapplethorpes, dessen bisweilen schockierende Aufnahmen eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Der von immenser Leidenschaft für den menschlichen Körper geprägte Künstler bezeichnete die Fotografie einmal als perfekte Methode Skulpturen zu schaffen. Mapplethorpe hat in jedem Sujet nach der perfekten Form gesucht und seine Fotografien, die voll plastischer Spannung sind, mit erotischer Ambivalenz aufgeladen. Das klassische Ideal war ihm mehr als bloß poetische Inspiration; es diente ihm während seines gesamten kurzen Lebens als ethisches Leitbild. Mapplethorpe hat Malerei und Bildhauerei studiert und sich bereits früh für die schöpferische Praxis dieser Disziplinen interessiert. In einer Vergleichsstudie der späten 60er und frühen 70er Jahre ahmte er mit dem eigenen nackten Körper die Posen neoklassizistischer Denkmäler nach.



Robert Mapplethorpe, Patti Smith, 1976
Gelatinesilberdruck, Künstlerdruck 1/2, 20 x 16 inches (50,8 x 40,6 cm)
© Robert Mapplethorpe Foundation. Reproduktion mit Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Schenkung, Robert Mapplethorpe Foundation
93.4278


Mapplethorpe verbindet skulpturale Harmonie mit fotografischer Ganzheit. Er bringt Modell und historische Plastik zur Deckung, um die Kunst sowohl im Leben als auch in der Fotografie zu reflektieren. Dadurch gelingt es ihm, radikale Themen in eine kunstgeschichtlich relevante Sprache zu fassen. Seine dem klassischen Naturalismus verpflichteten Kompositionen sind minuziös durchgeplant. Sie bilden ein Kompendium menschlicher Gesten, das von der Antike über die Perfektion Michelangelos bis zur Eleganz des 18. und 19. Jahrhunderts reicht, zu Künstlern wie Auguste Rodin, der wie Mapplethorpe ein Verehrer des Eros und der Sinnlichkeit gemeißelter Körper war. Das anatomische Formenvokabular, aus dem beispielsweise die Bildnisse der Bodybuilderin Lisa Lyons oder des athletischen Tänzers Derrick Cross schöpfen, hat seine Wurzeln im Altertum. Es fand ein früheres Echo in den expressiven, raumgreifenden Drucken von Jan Harmensz. Muller zum Raub der Sabinerinnen und in Jacob Mathams Apollo, der mit muskulöser Vitalität die Bildfläche durchdringt.
Während die Bravourstücke der Manieristen mit Licht, Oberfläche und Raum spielen, mutet die reduzierte Schwarzweißpalette, mit der Mapplethorpe Widersprüche und Zusammenhänge aufzeichnet, poetisch und melancholisch an.