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Black Box / Chambre Noire konzipierte William Kentridge speziell für die Reihe der Auftragsarbeiten des Deutsche Guggenheim und wählte daher inhaltlich bewusst Deutschland, das Land des Auftraggebers, als Ausgangspunkt der Arbeit. Kentridge, der sich in seinem Werk stark auf die Geschichte und Geographie von Orten bezieht und in vielen seiner Werken die Historie Afrikas und Südafrikas erforscht, verweist mit Black Box / Chambre Noire gleichzeitig auf seine tiefe Verbundenheit zur deutschen Kunst und Kultur, seinen Bezug zu deutschen Künstlern und literarischen Figuren.
So erforscht er hier anhand von deutschen Filmen die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Afrika. Beeinflußt wurde die Annäherung an dieses Thema außerdem durch seine zeitgleiche Regiearbeit zu Mozarts Zauberflöte. Sowohl das Bühnenmodell als Objekt als auch das Thema der Aufklärung bzw. die düsteren Folgen dessen philosophischen Erbes finden sich in Black Box / Chambre Noire wieder.



Untitled (drawing for Black Box/Chambre Noire), 2005
Foto: John Hodgkiss
© William Kentridge


Die 1989 begonnene Serie von handgezeichneten Animationsfilmen, die sich aus der Sicht zweier fiktiver weißer Figuren mit der Apartheid- und Post-Apartheidsära Südafrikas auseinandersetzen, brachte Kentridge den internationalen Durchbruch.
Sein Werk, darunter Theater-, Papier- und Filmarbeiten, zeugt von einer starken Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung. Kraftvoll überarbeitete Kohle- und Pastellzeichnungen bilden die Grundlage seiner Filme – auf ihnen hinterlässt er Spuren des Ausradierens, sehr sichtbare Pentimenti, die den Prozesscharakter der Arbeiten und die unauslöschliche Präsenz der Vergangenheit unterstreichen. In seiner Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company kombiniert Kentridge immer wieder Puppen, Animationen und Live-Performance zu vielschichtigen Multimedia-Installationen. Diese komplexen Theaterproduktionen und Videoskulpturen verwenden Objekte und deren Schatten, Puppen und die Hand des Puppenspielers, Spuren einer Handschrift sowie Radierstellen, um Vorstellungen von zielgerichtetem Handeln zu hinterfragen.



William Kentridge in his Johannesburg studio during preparations for Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: John Hodgkiss
© William Kentridge


Auch Black Box / Chambre Noire umfasst animierte Filme, plastische Objekte, Zeichnungen und ein mechanisches Miniaturtheater. Die drei Bedeutungsebenen des Titels werden dabei von Kentridge spielerisch verwendet: die „Black Box“ als Theater, als photographisches „Chambre Noire“ – Dunkelkammer – und als Flugdatenschreiber, der Katastrophen dokumentiert.
Erforscht wird darin die Konstruktion von Geschichte und Bedeutung, der Prozess der Trauer, die Schuld und Sühne, aber auch die sich verändernden Blickwinkel des politischen Engagements und der politischen Verantwortung. Die Entwicklung visueller Technologien überschneidet sich in Black Box / Chambre Noire mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus bzw. der deutschen Präsenz in Afrika, insbesondere des 1904 von den Deutschen verübten Massakers an den Hereros in Deutsch-Südwest (dem heutigen Namibia). Dieses Massaker, das von einigen Historikern als erster Genozid des 20. Jahrhunderts bezeichnt wird, führte zur beinahen Vernichtung des Stammes der Hereros.

Nachdem 1885 Südwestafrika deutsches Protektorat wurde, drangen in den folgenden Jahren deutsche Siedler immer tiefer in das Land der Hereros ein. Ausbeuterische Praktiken trieben den Stamm in die Schuldenfalle. Der Verlust ihrer Viehherden und ihrer Ländereien waren die Folge.
Die aussichtloser werdende Situation der Hereros veranlasste ihren Häuptling Samuel Mahareru, auf die wachsenden Ungerechtigkeiten zu reagieren, 1904 rief er zu einem direkten Angriff auf die deutsche Verwaltung auf. Als Reaktion sandte der deutsche Kaiser General Lothar von Trotha, der für seine rücksichtslose Unterdrückung der Revolten in Ostafrika und China berüchtigt war, als Kommandeur für einen Gegenschlag, der zahlreichen Hereros das Leben kostete. Um dem Massaker zu entkommen, flüchteten Tausende in die Omaheke Wüste und fanden in den harten klimatischen Bedingungen den Tod. Trotz zunehmender Proteste gegen von Trothas harte Vorgehensweise, musste der General erst 1905 zurücktreten. 1914 übernahm Südafrika Deutsch-Südwestafrika als Protektorat – 1990 endete diese Zwangsherrschaft mit der Unabhängigkeit Namibias.
Seine Identität als Südafrikaner veranlasste Kentridge, Vorstellungen von Täterschaft und Mittäterschaft, Sühne und Trauer zu hinterfragen.




Untitled (drawing for Black Box/Chambre Noire), 2005
Foto: John Hodgkiss
© William Kentridge


Diese Auseinandersetzung mit Traumata bzw. deren Auswirkungen führte Kentridge zum Freud’schen Begriff der „Trauerarbeit“, einer fortwährenden Arbeit, die mit seiner selbstreflektierenden Untersuchung des Entstehungsprozesses von Bedeutung korrespondiert. Mit jeder Umsetzung eines neuen Werkes lüftet Kentridge den Schleier der Undurchsichtigkeit und legt dar, wie selektive und subjektive Erinnerungen zu großen Erzählungen der Geschichte zusammengefügt werden. So verleihen die prozesshaften Aspekte von Kentridges Arbeit Black Box / Chambre Noire eine komplexe Qualität. Auf seinen Reisen in Namibia sowie im dortigen Nationalarchiv fand Kentridge Texte jener Zeit, auf denen er eine Vielzahl von Papierarbeiten realisierte.*
Kentridges einzigartiger filmischer Prozess integriert diese Zeichnungen im Black Box / Chambre Noire-Film und kombiniert sie mit Filmmaterial, welches er in Namibia aufnahm, sowie mit Archivfotografien und Ausschnitten aus deutschen Filmen der Kolonialzeit. Auch die Musik, auf die Kentridge und Philip Miller – Komponist der Filmmusik zu Black Box / Chambre Noire – in Namibia stießen, ist geschickt in die Arbeit eingebunden.**

Black Box / Chambre Noire untersucht somit die Schwierigkeit bei der Darstellung eines historischen Traumas. Die Rekonstruktion von Ereignissen und Personen aus der Sicht einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Ortes und einer bestimmten Politik werden problematisiert. Mit dieser metaphorischen Untersuchung der „Black Box“ thematisiert Kentridge Flexibilität, Fixierung und Zukunft bei der Erforschung der Vergangenheit. Die Arbeit widersetzt sich so einem Abschluss und hinterfragt vereinfachende Konstruktionen von Geschichte, die mit den Gegensatzpaaren Vergangenheit und Gegenwart, Opfer und Täter, Spektakel und Zuschauer operieren.

Maria-Christina Villaseñor, Associate Curator of Film and Media Arts, Solomon R. Guggenheim Museum, New York




William Kentridge in Stockholm während der Vorbereitung zu Black Box/Chambre Noire, 2005
Foto: Petra Hellberg
© Deutsche Guggenheim
© William Kentridge


*Kentridges Zeichnungen sind eine Kombination aus Kohle, Pastellfarben und Farbstiften auf Papier und Textauszügen aus: einem italienischen Hauptbuch, ca. 1920; handschriftlichen Vorlesungsaufzeichnungen eines deutschen Jurastudenten, 1911; einem Stadtplan von Johannesburg, ca. 1940; dem französischen Lehrbuch La merveille de la science, ca. 1868; dem britischen Text Mrs. Beeton’s Book of Household Management von 1910; einem Text über den Wert von Goldmünzen als Währung; Universale Tariffa, ca. 1833; Chamber’s Encyclopedia of 1950; Introduction to Telephony, Lehrbuch, 1934; Cyclopedia of Drawing, 1924; Reklamefotokopien aus der deutschen Zeitschrift Simplicissimus; Aktienberichten von Goldminen; dem Baedecker Reiseführer Italien, ca. 1900; Georg Hartmanns Karten von Deutsch-Südwest, 1904; privaten Briefwechseln aus Deutsch-Südwest, ca. 1911; Fotokopien von General von Trothas Befehl gegen die Hereros von 1904 aus dem Namibian National Archive; Index and Gazetteer of the World; Stieler’s Handatlas No. 59, 1906; Steuer- und Verbindlichkeitsstatistiken der Mitgliedstaaten.

**Die Filmmusik von Black Box / Chambre Noire beinhaltet folgende musikalische Elemente: Herero Klage- und Lobeslieder, traditionelle namibische Bogenmusik und Philip Millers Musikkompositionen für den Film.
Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Zauberflöte: Sarastros Arie „In diesen heil’gen Hallen“ (gespielt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Thomas Beecham, 1937), Fragmente aus der Königin der Nacht-Arie „Der Hölle Rache“, Paminas Arie „Ach ich fühl’s, es ist verschwunden“, Dialog zwischen Papageno und Monastatos, „Marsch der Priester“ (Gesang Alfred Makgalemele).




Untitled (drawing for Black Box/Chambre Noire), 2005
Foto: John Hodgkiss
© William Kentridge


William Kentridge, geboren 1955, lebt und arbeitet in Johannesburg, Südafrika.


Zur Ausstellung finden Sie folgende Beiträge in www.db-artmag.com, dem online Kunstmagazin der Deutschen Bank:
feature // Im Inneren der Black Box / William Kentridge im Interview