>> Einführung / Douglas Gordon
>> Programm / Führung
>> Filmprogramm
>> Edition / No 32
>> Info / Wann und Wo
>> Presse / Aktuell



>> Vorschau
>> Archiv





Unterwegs von St. Petersburg nach Berlin, 20. September 2003

Liebe Nancy,

ich weiß nicht genau, wo Du bist – aber ich weiß noch weniger, wo ich sein sollte. Unterwegs von irgendwo nach anderswo – oder umgekehrt.

Ich dachte, ich schreib Dir ein paar Zeilen, etwas in der Art, einen Brief vielleicht, in vagen Worten, um Dir, und damit mir und anderen, die Bedenken zu nehmen, ob empfunden oder ausgesprochen, von früher erinnert und doch bedacht, anstelle von Beistand, im Voraus, verkappt oder sonstwie, gemeinsam, manchmal solo, nie allein, umgeben von Freunden, bei Bedarf nicht vorhanden, und so weiter - was Deine Einladung zu dem Projekt betrifft.

Wie dem auch sei, sollte ich Dir sagen, dass ich gerade das St. Petersburger Wetter hinter mir gelassen habe. Nicht allzu vieles mehr zu sagen durch meine klammen Finger, die auf die Tastatur tiptiptippen. Aber ich habe gerade ein Gemälde gesehen, das der Grundstein für die geplante Ausstellung 2005 in Berlin sein könnte.

Das Gemälde ist von Perugino, oder Pietro Vannucci, ein und derselbe, vielleicht auch nicht. Es ist ein Bildnis des Hl. Sebastian aus dem 15. Jahrhundert; das Schönste, was mir je unter die Augen gekommen ist, aber umso merkwürdiger, was Komposition und Details angeht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bildern, die ich gesehen habe, zeigt Perugino nur den Oberkörper von Sebastian, fast, als handle es sich um einen Ausschnitt aus einem anderen Gemälde, oder vielmehr ein film still. Der Körper wird auch nur von einem einzigen Pfeil durchbohrt, der direkt im Hals des Jungen steckt, und der Schaft des Pfeils trägt, als abstoßendes Detail, die Signatur des Künstlers.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll; Allegorie oder Eitelkeit?

Wir sollten die Eremitage zumindest fragen, ob sie eine Leihgabe für unsere Ausstellung in Erwägung ziehen würden.

Ich hoffe, diese Zeilen erreichen Dich in sonnigeren Gefilden als den hiesigen. Lass uns bald über meine weiteren Vorstellungen für die Ausstellung sprechen. Wenn wir den Perugino als Leihgabe bekommen, würde ich gern vom 15. Jahrhundert direkt ins 20ste und dann ins 21ste springen. In der Zwischenzeit wollen wir über Spiegel sinnieren, Zeitreisen, bewegte und unbewegte Bilder, Fälschungen, Illusionen, Wahrheiten, Lügen, Vanitas, Täuschung, Allegorie, das Museum, das Kino, das Theater, das Schlafzimmer et. al.

Alles Gute,
Douglas

- - - - - - - - - - - - -
Douglas Gordon. 1966 geboren, lebt und arbeitet in Glasgow und New York


Douglas Gordon, Proposal for a Posthumous Portrait, 2004
© 2005 Douglas Gordon,
Photo by David Heald
Robert Mapplethorpe, Skull, 1988
© Robert Mapplethorpe Foundation




Jeff Koons, Louis XIV, 1986
© 2005 Jeff Koons





Douglas Gordon, staying home and going out, 2005
© 2005 Douglas Gordon, Photo by David Heald



New York City, 30. September 2003

Lieber Douglas,

vielen Dank für Deinen Brief. Ich freue mich immer, von Dir zu hören. Ich bin hier und fange gerade an, meinerseits über das Projekt in Berlin nachzudenken, der Zeitpunkt ist also perfekt. Ich verstehe, was Du meinst mit dem Perugino. Ich habe ihn mir auf der Eremitage-Website angeschaut (wusstest Du, dass man im Museumsshop T-Shirts vom Hl. Sebastian kaufen kann?), er ist schön, provozierend und wunderbar obszön. Die Signatur auf dem Pfeil löst eine Kette von Assoziationen aus, vom feinen Unterschied zwischen Gewalt und Erotik (der Pfeil/Name durchbohrt den Getroffenen) bis zum Narzissmus des Künstlers. Könnte es sein, dass das Gemälde – das Ekstase ästhetisiert und Religion sexualisiert – eigentlich ein verschleiertes Selbstbildnis des Pietro Vannucci ist? Warum sonst würde er seine Signatur so prominent, so aggressiv platzieren? Natürlich tut Perugino damit kund, dass er das Bild gemalt hat, gleichzeitig ist seine Beziehung zum Porträtierten seltsam intim. Wie Du schreibst, lässt sich nur schwer sagen, wo die Allegorie (auf Märtyrertum, Seelenheil, Sterblichkeit) aufhört und die Eitelkeit anfängt – oder vielleicht umgekehrt?

Jetzt haben wir einen Ausgangspunkt, selbst wenn wir das Bild nicht als Leihgabe bekommen. Schwebt Dir eine Ausstellung mit unterschiedlichen Werken vor, die die Schnittstelle von Eitelkeit, Selbstdarstellung und Sinnestäuschung beleuchtet? Vielleicht gefiltert durch das vanitas-Genre, eine allegorische Betrachtung über die Vergänglichkeit irdischen Daseins. Denn was ist Selbstdarstellung anderes als der Wunsch nach Unsterblichkeit? Ich sehe Totenschädel und Spiegel (aber kein faulendes Obst und Schalengetier). Sinnestäuschung macht immer Spaß; ich stelle mir viele wandelbare Identitäten, wechselnde Ich-Auftritte vor. Korrigiere mich, wenn ich mich irre, aber ich glaube, auch bei Deinen Arbeiten gibt es zahlreiche versteckte Künstlerporträts, die ihr eigentliches Thema letztlich verschleiern.

Wirst Du auch eigene Werke zeigen, oder wird die Ausstellung an sich Dein Kunstwerk sein?

Bis bald,
Nancy

- - - - - - - - - - - - -
Nancy Spector, Curator of Contemporary Art, Solomon R. Guggenheim Museum, New York


Zur Ausstellung finden Sie folgende Beiträge in www.db-artmag.com, dem online Kunstmagazin der Deutschen Bank:
feedback // Interview mit Douglas Gordon


Künstlerliste

Lindsay Anderson
Kenneth Anger
Charles Atlas
Matthew Barney
Bernardo Bertolucci
Francis Ford Coppola
Walt Disney
Marcel Duchamp
Federico Fellini
John Ford
Robert Gober
Jean-Luc Godard
Douglas Gordon
Damien Hirst
Rebecca Horn
Roni Horn
Jeff Koons
Stanley Kubrick
Albert Lewin
Alexander Mackendrick
Rouben Mamoulian
Joseph L. Mankiewicz
Man Ray
Robert Mapplethorpe
Rory McEwen
Nagisa Oshima
Pier Paolo Pasolini
Frank Perry
Andrei Tarkovsky
King Vidor
Luchino Visconti
Andy Warhol
Lawrence Weiner
Cerith Wyn Evans





Cerith Wyn Evans, TIX3, 1996
© Cerith Wyn Evans, Photo by Stephen White