>> Einführung / Freeway Balconies
>> Programm / Führung
>> Education
>> Edition / No 44
>> Info / Wann und Wo
>> Presse / Aktuell


>> Vorschau
>> Archiv


   


Die renommierte amerikanische Künstlerin Collier Schorr, die sich in ihrer Multimedia-Praxis mit den Strategien von Identitätsaneignung und Performance auseinandersetzt, hat auf Einladung der Solomon R. Guggenheim Foundation eine Gruppenausstellung organisiert, die zugleich als Selbstporträt und als Bestandsaufnahme der aktuellsten Trends in der amerikanischen Kunst konzipiert ist. Als bildende Künstlerin, Kritikerin und Lehrerin verfolgt Schorr die Kunstszene aus einem höchst subjektiven Blickwinkel, der dieser experimentellen Gemeinschaftsschau die Richtung vorgibt. Der Titel der Ausstellung ist dem Werk des Beat-Poeten Allen Ginsberg entliehen und ist sowohl als Hommage als auch als ironische Anspielung gemeint. Freeway Balconies bezieht sich auf den Schnittpunkt von Spektakel und Voyeurismus in der amerikanischen Kultur.



Collier Schorr fotografiert in Schwäbisch Gmünd, Deutschland, ca. 1991

Schorrs eigenwillige Auswahl versammelt neunzehn bekannte und aufstrebende Künstler, deren Werke im Dialog überraschende Entsprechungen und Widersprüche freisetzen. Die durch einen starken Gemeinschaftssinn charakterisierte Mischung, welche um Beispiele aus Schorrs eigenem Schaffen gruppiert ist, verrät das Interesse der Kuratorin für Verschiebungen von Identität und Identifikation, für kulturelle Erinnerungen und Erinnerungslücken und für die unterschiedliche Behandlung dieser Fragen in der künstlerischen Aktion und Produktion. Freeway Balconies oszilliert zwischen Performancekunst und Hollywood-Kult, zwischen populär und alternativ. In unserer selbstgefällig gewordenen Gegenwart, die Zorn durch Ironie ersetzt, sucht Schorr nach (flüchtigen) Spuren des Widerstands, die oft gut verborgen sind. Aber auch entrückte Momente entgehen dem Auge der Künstlerin nicht. Ihr Projekt analysiert die Konstruktion der Identität, die nicht geschichtslos ist, sondern von äußeren Informationen und Einflüssen ebenso wie von inneren Kräften hervorgebracht wird – Identität als mehrwertiger und nicht gleichwertiger Zustand, aufgehoben im kulturellen Äther. Freeway Balconies akzeptiert das Vorhandensein mehrfacher, offenbar unvereinbarer Bedeutungen, die der Diskontinuität von Form und Inhalt entspringen, dem täuschenden Spiel der Erscheinungen. Das Resultat ist ein Gesprächskreis in Ausstellungsform, der Schorrs künstlerische Anliegen zur Diskussion stellt.



Collier Schorr *1963
Night Porter (Matthias), 2001


Der Betrachter ist eingeladen, zu verweilen und sich langsam verführen zu lassen, nicht nur von den einzelnen Exponaten, sondern auch von dem Netz, in dem Schorr diese verstrickt. Mit visuellen und konzeptuellen Fallen und Provokationen versehen, kombiniert Freeway Balconies frenetische Energie mit stiller Beobachtung und gewinnt den gezeigten Kunstwerken dadurch neue Bedeutungen und Möglichkeiten der Betrachtung ab. Anhand eines breiten Spektrums unterschiedlicher Medien (Skulptur, Fotografie, Installation und Video) durchleuchtet die Ausstellung den performativen Impuls, der die Dynamik der neuesten Kunstformen prägt. Bisweilen schwarz und pervers, dann wieder transzendent, reflektiert Freeway Balconies ein von Pop-Einflüssen durchdrungenes Lebensgefühl, das typisch ist für das Amerika von heute.



Sharon Hayes *1970
In the Near Future, 6 November 2005