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Hanne Darboven (*1941) begann 1962 ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Nur vier Jahre später verließ sie sowohl die Hochschule als auch Deutschland und siedelte nach New York über. In der neutralen Sprache der Zahlen und mit Materialien wie Feder, Bleistift, Schreibmaschine und Millimeterpapier legte sie einfache lineare Ziffernkonstellationen an, die sie als Konstruktionen bezeichnete. Diese Frühwerke scheinen formal direkt aus der Gitterstruktur des Papiers abgeleitet zu sein, wie das häufige Auftreten von Quadraten sowie von hand- und maschinengeschriebenen Zahlengruppen des Formats 4 x 4 zeigt. Aufmerksamkeit erregten die Konstruktionen auch bei anderen Künstlern. So setzte sich Sol LeWitt, ein Freund Hanne Darbovens, früh für die Kunst der Deutschen ein, in der er gewisse Gemeinsamkeiten mit seiner eigenen Konzeptkunst sah.



Portrait der Künstlerin, 2004
© Deutsche Guggenheim


Im Lauf der Zeit gelangte Darboven zu einem neuen Verwendungsschema ihrer numerischen Elemente. Sie erkannte, dass die Ziffern, die im gregorianischen Kalender das Datum markieren, als ein neutrales »grafisches Äquivalent des im Grunde nicht-visuellen Phänomens Zeit« herangezogen werden können und damit die Möglichkeit bieten, zu schreiben ohne zu beschreiben.[1] Die Aufzeichnung der Zeit, die sich in Darbovens täglicher Datumsnotierung in verschiedenen Schreibarten (Ziffern, Wörter) konkretisiert und auf einem ständig verfeinerten, selbst erfundenen System basiert, wurde Ende der 1960er-Jahre der Schlüsselaspekt ihres künstlerischen Schaffens. Zugleich tritt in vielen ihrer Arbeiten das Wort »heute« auf, welches durchgestrichen die Umwandlung der Gegenwart in Vergangenheit oder Geschichte verdeutlicht.

Von 1973 an begann Darboven Texte diverser Autoren (u. a. Heinrich Heine und Jean-Paul Sartre) in ihre Werke einzubauen. 1978 folgten visuelle Zeitdokumente, etwa Fotografien oder Objekte, die sie gefunden, gekauft oder als Geschenk erhalten hatte. Diese Zusätze ermöglichten die gezielte Untersuchung unterschiedlicher Zeit- und Geschichtsaspekte – einschließlich einer abstrakten Variante der Biografie –, ohne dass Darboven deswegen von ihrer individuellen formalen und konzeptuellen Vorgehensweise abweichen musste. In den späten 1970er-Jahren entwarf die Konzeptkünstlerin, die in jungen Jahren Klavierunterricht erhalten hatte, ein System zur Musiknotation, das auf Kalenderdaten und auf ihren persönlichen Zahlenkonfigurationen beruht, und übertrug ihre Autographen mit Unterstützung eines Experten in spielbare Kompositionen. Die Musik, ein zutiefst zeitgebundenes Medium, eröffnete Darboven einen neuen Weg, das visuelle Grundgerüst ihrer Kunst zu verbessern. Damit hatte sie vor Ende des Jahrzehnts zumindest ansatzweise alle Elemente entwickelt, die später den »Hanne-Darboven-Stil« ausmachen sollten.

Hommage à Picasso (Detail), 1995-2006
Foto: Mathias Schormann
© Hanne Darboven





Hommage à Picasso (Detail), 1995-2006
Foto: Mathias Schormann
© Hanne Darboven


Ende der 90er-Jahre, der Jahrtausendwechsel greifbar nahe, befasste sich die Künstlerin intensiv mit Zeit- und Jahrhundertthemen und wandte sich der Frage zu, was dieser Moment für sie selbst bedeutete und welche Position man generell zur Kunst des 20. Jahrhunderts beziehen konnte. Sie beschloss, eine Fin-de-Siècle-Installation zu schaffen, die neben der typischen Markierung der Zeit durch systematische Zahlennotation ein Leitmotiv der 1990er-Jahre aufgriff, nämlich die Suche nach archetypischen Persönlichkeiten, in denen der Geist der vergangenen hundert Jahre zum Ausdruck gelangt war. In ihren Augen kam nur eine Figur als Verkörperung der Kunst des 20. Jahrhunderts infrage: Pablo Picasso.

Hommage à Picasso, Hanne Darbovens Installation für das Deutsche Guggenheim, umgibt den Betrachter mit 9.720 Blättern, die ihre handgeschriebenen numerischen Notationen tragen und in 270 handbemalten Bildrahmen präsentiert werden. Diese Schrifttafeln, die das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dokumentieren, werden mit einer Reihe zusätzlicher Elemente kombiniert: einer gerahmten Lithografie von Picassos Gemälde Sitzende Frau in türkischer Tracht (1955), einer Gruppe gekaufter oder eigens angefertigter Skulpturen – von einer Büste Picassos im römischen Stil bis zu Eseln aus Birkenzweigen von polnischen Kunsthandwerkern – sowie Opus 60, einer neuen Orchesterkomposition für 120 Stimmen.



Hanne Darboven, Atelierhaus, 2005
Foto: Michael Danner
© Deutsche Guggenheim


In ihrer Gesamtheit zeichnet die Installation ein vielschichtiges Doppelporträt der Künstler Pablo Picasso und Hanne Darboven, das die Rolle des Wiederholens und Zitierens in der Kunst genauer zu erfassen sucht. Darboven hinterfragt sowohl die Idee des persönlichen Stils, der sich prinzipiell durch Selbstreferentialität und durch die ständige Wiederholung künstlerischer Motive und Ansätze manifestiert, als auch die Praxis, sich direkt auf das Werk eines anderen Künstlers zu beziehen, um ihn zu ehren oder um eigene kreative Zielsetzungen zu verfolgen. Die Frage der Originalität steht also im Mittelpunkt von Hommage à Picasso.

Valerie Hillings, Solomon R. Guggenheim Museum

[1] Klaus Honnef, »Art Encyclopedias of Culture: Klaus Honnef on Hanne Darboven«, in: Hanne Darboven: Primitive Zeit/Uhrzeit, Ausst.Kat., Philadelphia, Goldie Paley Gallery, 1990, S. 7.



Musik und Filme während der Ausstellung

Hanne Darbovens Orchesterkomposition Opus 60 ist Teil der Arbeit Hommage à Picasso und wird in der Ausstellungshalle gespielt.
Ihre Filme Am Burgberg, Film 1-6, Der Mond ist aufgegangen und 42/100, Akt 1-4 sowie das Künstlerportät Hanne Darboven: Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe von Walter Smerling können im MuseumsShop angesehen werden.


Zur Ausstellung finden Sie folgende Beiträge in www.db-artmag.com, dem online Kunstmagazin der Deutschen Bank:
on view // Hanne Darbovens "Hommage à Picasso"
news // Darboven Edition