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Der italienische Divisionismus war eine Kunstströmung des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Name leitet sich von der Maltechnik her, die Farbfläche in nebeneinander gesetzte Pinselstriche aufzugliedern. Die Vertreter dieser Richtung blieben der akademischen Tradition verbunden, die aus dem reichen kulturellen Erbe Italiens hervorgegangen war, nahmen jedoch zugleich auch Anregungen der europäischen Moderne auf, insbesondere des französischen Neoimpressionismus (Pointillismus). Das Resultat war ein eigenständiger, von Farbtheorie und Optik beeinflusster Stil. Der Untertitel der Ausstellung Divisionismus/Neoimpressionismus: Arkadien und Anarchie spielt direkt und indirekt auf die Geisteshaltung an, die für viele dieser Künstler charakteristisch war. Ihr radikal neuer Lebensstil und ihre linksgerichtete politische Einstellung können als anarchistisch bezeichnet werden. Parallel dazu zeigt sich auch ein idealistischer Zug, der in idyllischen Landschaften oder mystischen Bildern Ausdruck fand.



Camille Pissarro
Apfelernte in Eragny (La Cueillette des pommes, Éragny-sur-Epte), 1888
© Dallas Museum of Art, Munger Fund


Der Divisionismus entstand Ende der 1880er-Jahre in Norditalien. Zu den Vertretern der ersten Generation zählten Vittore Grubicy De Dragon (1851–1920), Emilio Longoni (1859–1932), Angelo Morbelli (1853–1919), Plinio Nomellini (1866–1943), Giuseppe Pellizza da Volpedo (1868–1907), Gaetano Previati (1852–1920), Giovanni Segantini (1858–1899) und Giovanni Sottocornola (1855–1917). Es handelte sich um eine neue, fortschrittliche Maltechnik, bei der verschiedenfarbige Pinselstriche nebeneinander gesetzt wurden, um den visuellen Eindruck eines einzigen, intensiven Farbtons zu erzeugen. Ihren Ursprung hatte sie in den optischen und chromatischen Theorien, die von Wissenschaftlern wie dem französischen Chemiker Michel-Eugène Chevreul in De la loi du contraste simultané des couleurs (1839) und dem amerikanischen Arzt Ogden Rood in Modern Chromatics (1879) entwickelt worden waren.



Angelo Morbelli
Für achtzig Cents! (Per ottanta centesimi!), 1895
© Museo Francesco Borgogna, Vercelli
Photo: Giacomo Gallarate


Eingang in die Kunst fanden diese Theorien Anfang der 1880er-Jahre im Werk der französischen Neoimpressionisten, wobei Georges Seurat (1859–1891) Pionierarbeit leistete. Weitere Künstler folgten, darunter die Franzosen Charles Angrand (1854–1826), Henri-Edmond Cross (1856–1910), Albert Dubois-Pillet (1846–1890), Maximilien Luce (1858–1941), Camille Pissarro (1830–1903) und Paul Signac (1863–1935), der Belgier Théo Van Rysselberghe (1862–1926) und der Holländer Jan Toorop (1858–1928). Der internationale Durchbruch gelang den Neoimpressionisten auf der achten Impressionisten-Ausstellung 1886, vor allem durch Seurats große Komposition Ein Sonntagnachmittag auf der Île de la Grande Jatte (1884–1886).




Henri-Edmond Cross
Nocturne mit Zypressen (Nocturne aux cyprès), 1896
© Association des Amis du Petit-Palais, Genf
Photo: Studio Monique Bernaz, Genf


Die italienischen Künstler hatten zur Entstehungszeit des Divisionismus keine oder nur wenige Originalwerke der Neoimpressionisten zu Gesicht bekommen. Vielmehr war ihnen die französische Strömung, die auch unter den Namen „Pointillismus“ kursierte, vorwiegend aus französischen und belgischen Zeitschriften wie L’Art moderne bekannt. Diese enthielten Artikel des Kritikers Félix Fénéon, auf den der Begriff »Neoimpressionismus« zurückgeht. Um 1887 wurden Fénéons Gedanken von dem Kritiker, Galeristen und Maler Vittore Grubicy aufgegriffen, der dem Divisionismus als Erster in Italien Gehör verschaffte und regelmäßig Artikel in der römischen Tageszeitung La Riforma veröffentlichte.



Vittore Grubicy de Dragon
Nebelmeer (Mare di nebbia), 1895
© Privatsammlung


Divisionismus/Neoimpressionismus ist die erste Ausstellung, die den italienischen Divisionismus einem internationalen Vergleich unterzieht und wichtigen Meistern des Neoimpressionismus gegenüberstellt. Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Werk der Künstler zu verdeutlichen, ist die Schau in fünf Themengruppen gegliedert: Licht, Landschaft, Landleben, Gesellschaftskritik und Symbolismus. Licht, gewährt Einblick in die Bemühungen der Divisionisten, die Wirkung des künstlichen Lichts auf die Farben des Innenraums zu studieren. Ähnliche Anliegen in der freien Natur dokumentiert die Werkgruppe Landschaft. Verbindendes Motiv sind hier Lichtspiegelungen an der Oberfläche von Wasser und Eis (Fluss, See, Meer und Gletscher). Wie beliebt Bilder arbeitender Bauern waren, belegen die Werkbeispiele in Landleben. Sujets dieser Art wurden bisweilen derart ästhetisch überhöht und idealisiert, dass ein offener Widerspruch zum harten Los der Landbevölkerung entsteht. Im Gegensatz dazu kommen in Gesellschaftskritik die politischen Probleme der Zeit zur Sprache: Fabrikarbeit, Streiks, städtisches Proletariat. Abschließend verweist Symbolismus auf eine Tendenz der späten 1890er-Jahre, die speziell bei den italienischen Divisionisten zu beobachten ist, nämlich die Abkehr vom politischen Inhalt und die Hinwendung zu transzendenten, vergeistigten Allegorien und Visionen.

Obwohl die Divisionisten ähnliche formale und ideologische Konzepte wie ihre europäischen Zeitgenossen zur Anwendung brachten, zeigte sich der Einfluss der italienischen Kunst – von den alten Meistern bis zu den neueren Vertretern des Naturalismus – in der häufigen Wahl ländlicher Szenen, der Betonung der modellierten Form und der Bewegung, dem Hang zu großen Bildformaten und der Neuinterpretation der christlichen Ikonografie (besonders bei den symbolistisch orientierten Künstlern). Es ist typisch für die paradoxe Situation der italienischen Kunst der Ära, dass die Divisionisten mit diesen Neigungen wie auch mit ihrer revolutionären, modernenTechnik einerseits in der Kunsttradition ihres Heimatlands verwurzelt blieben und andererseits wegweisend waren für die kommende Generation – die Futuristen.