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Memory (2008), Anish Kapoors Auftragswerk für das Deutsche Guggenheim, fügt sich eng in den Ausstellungsraum - ein 24 Tonnen schwerer Tank aus COR-TEN-Stahl, dem Wesen nach mehr Volumen als Masse. Seine dünne Haut suggeriert eine Form, die weder permanent noch monumental ist. Das Werk spottet der Schwerkraft, während es sanft die Raumgrenzen – Wände, Boden, Decke – abtastet. Der Gebrauch von COR-TEN-Stahl, und dessen inhärente Farbeigenschaften verweisen auf Kapoors frühe Pigmentskulpturen. Auch ohne Farbanstrich, der die Innenhöhlung glättet, bildet der Körper von Memory eine kontinuierliche Form. Er besteht aus 154 Teilen, die so präzise gefertigt sind, dass sie nahtlos zusammenpassen und kein Licht durchlassen. Diese Teile schaffen die Voraussetzungen für Dunkelheit und Grenzenlosigkeit – innerhalb des Nichts.



Memory, 2008
Blick in die Ausstellung, Deutsche Guggenheim
Foto: Mathias Schormann


Kapoors Skulpturen lösen Konfrontationen aus. Als aktive Teilnehmer, nicht nur als bloße Betrachter, werden wir uns unserer Position im Raum und der Relativität unserer eigenen Größe deutlich bewusst. Wir wollen um und unter die gewölbten Rundungen gehen, aber finden den Zugang verwehrt. Die Skulptur ist keine Architektur – wir werden daran gehindert, sie durch die Öffnung zu betreten. Kapoor zwingt uns, weite Kreise um Memory zu ziehen, die an mehreren Punkten in den Ausstellungsräumen Ein- und Ausgänge miteinander verbinden. Prozession als Plan – der Künstler beschreibt dies als „Diagramm, das nie vollendet werden kann“.



Memory, 2008
Blick in die Ausstellung, Deutsche Guggenheim
Foto: Mathias Schormann


Die Größendimension spielt eine entscheidende Rolle in Kapoors künstlerischer Laufbahn. Jedes Modell in seinem Atelier wird mit einer menschlichen Figur versehen, die es in Relation zur umgebenden Architektur setzt. Wie andere raumfüllende Installationen durchkreuzt Memory die klassische Figur-Boden-Beziehung und übersteigt das somatische Verständnis. Die Auftragsarbeit stößt mittels ihres physischen und geistigen Maßes das Tor zu einer neuen Raumwahrnehmung auf. Wir sehen nicht nur mehr, sondern müssen für den Akt des Sehens auch mehr Energie aufwenden. Kapoor beschreibt diesen kognitiven Prozess als Schöpfung einer „geistigen Skulptur“, der in Memory seine Apotheose findet. Dieses Werk, das den Stahl entmaterialisiert und das Sehen demontiert, bewohnt eine nicht-chronologische Zeit und einen fragmentierten Raum. Der Betrachter ist darauf angewiesen, die unbegreiflichen, zerstückelten Bilder, die er im Gedächtnis behält, zu einem Ganzen zusammenzufügen.



Memory, 2008
Blick in die Ausstellung, Deutsche Guggenheim
Foto: Mathias Schormann


Memory bleibt situativ. Das Werk ist relativistisch, phänomenologisch und wird am Ende nicht eingelöst. Während wir umhergehen, um einen Blick der Außenschale und des Innenbauches zu erhaschen, wird Gegenwart unvermittelt Vergangenheit.