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Sie gilt als eine der bahnbrechendsten kunsthistorischen Schriften des 20. Jahrhunderts: Wilhelm Worringers 1907 veröffentlichte Dissertation Abstraktion und Einfühlung. Worringers Ideen veränderten nicht nur den akademischen Blick auf die Kunstgeschichte, sondern stießen gerade im Umfeld der noch jungen Moderne, so bei Vertretern von zukunftsweisenden, abstrakten Positionen wie Wassily Kandinsky oder Franz Marc, auf große Resonanz. Inspiriert von Worringers Thesen hat Carmen Giménez, Kuratorin für Kunst des 20. Jahrhunderts am Solomon R. Guggenheim Museum, New York, die Ausstellung Abstraktion und Einfühlung organisiert, für die Papierarbeiten der Sammlung Deutsche Bank und bedeutende Einzelleihgaben aus dem Solomon R. Guggenheim Museum, der Albers Foundation und privaten Sammlungen zusammengestellt wurden. Die Schau im Deutsche Guggenheim nähert sich Worringers ästhetischen, philosophischen und psychologischen Theorien in dialogischer Form an. Im Zentrum der Ausstellung stehen die rund hundert Zeichnungen, Aquarelle und Drucke aus der Unternehmenssammlung, die in der Gegenüberstellung Worringers nachhaltigen Einfluss auf die Rezeption der Moderne bis heute veranschaulichen: von Josef Albers, Michael Buthe, Blinky Palermo und Thomas Schütte. Ergänzt werden diese durch eine kleine Auswahl erstklassiger Leihgaben: Gemälde von Philip Guston, Paul Klee und Piet Mondrian.



Thomas Schütte
Fifteen Monuments, 1984
Sammlung Deutsche Bank
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Den Ausgangspunkt bilden hierbei die beiden laut Worringer gegensätzlichen Tendenzen, die die Entwicklung der Kunst von ihren Ursprüngen bis ins 19. Jahrhundert hinein maßgeblich bestimmt haben: In Zeiten großer gesellschaftlicher Unsicherheit und höchster Vergeistigung, wie etwa im alten Ägypten oder im europäischen Mittelalter, nähere sich die Kunst einer flachen, kristallinen „Abstraktion“. Andererseits herrschten in Kulturen, die der Wissenschaft und der konkreten Wirklichkeit verpflichtet sind, wie das antike Griechenland oder das Italien der Renaissance, naturalistische Stile vor, die er unter dem Begriff der „Einfühlung“ zusammenfasst. Worringers Abhandlung widmete sich ausschließlich der Vergangenheit und vernachlässigte das zeitgenössische Kunstschaffen gänzlich. Dennoch traf er mit seiner Prämisse, dass der Abstraktionsdrang durch eine „große innere Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Außenwelt“ erzeugt werde, den Zeitgeist der modernen Gesellschaft. So wurde Abstraktion und Einfühlung nach seiner Veröffentlichung schnell zu einem Schlüsselwerk, das entscheidend zum Verständnis des Expressionismus und der Rolle der Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert beitrug.


Blinky Palermo
Ohne Titel, aus der Mappe "Hommage a Picasso", 1974
Sammlung Deutsche Bank
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009


Die Ausstellung im Deutsche Guggenheim versammelt Werke, die die von Worringer definierten Polaritäten von Abstraktion und Einfühlung in der veränderten Kunstlandschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reflektieren. Den auf Fläche, Farbe und Geometrie reduzierten Abstraktionen des ehemaligen Bauhaus-Lehrers Josef Albers stehen die Papierarbeiten Blinky Palermos zur Seite, in denen sich die Ansätze von Minimal Art mit Einflüssen des russischen Konstruktivismus verbinden. Michael Buthe und Thomas Schütte praktizieren hingegen einen stärker zeichenhaften bzw. gegenständlichen Stil, der die Präsenz von Körpern und Dingen anspricht und sich mit Worringers Begriff der Einfühlung verbinden lässt. Zusätzlich machen ausgewählte Gemälde von Guston, Klee und Mondrian die nachhaltige Wirkung von Worringers Stilpsychologie erfahrbar.

Die Künstler, die hier im Mittelpunkt stehen, sind als singuläre Positionen aufzufassen. Betrachtet durch das Prisma von Worringers Theorien gewinnt ihr Werk eine neue Bedeutung, die es ermöglicht, den Stellenwert von Abstraktion und Einfühlung in der zeitgenössischen Kunst neu zu überdenken.