von Thomas Krens/ 2000

Seit seiner Eröffnung am 7. November 1997 hat sich das Deutsche Guggenheim Berlin in der internationalen Kunstwelt als innovative Kunstinstitution erwiesen. In der von Richard Gluckman entworfenen, relativ kleinen Halle wurden seither viel beachtete Ausstellungen überwiegend moderner Kunst sowie vom Deutsche Guggenheim Berlin vergebene Auftragsarbeiten gezeigt. Schon die Eröffnungsausstellung "Pariser Visionen: Robert Delaunays Serien" fand weltweit große Beachtung in der Presse und die Besucherzahlen übertrafen unsere Erwartungen bei weitem. Andere herausragende Ausstellungen folgten - "Von Dürer bis Rauschenberg: Eine Quintessenz der Zeichnung" oder "Amazonen der Avantgarde", die sechs Malerinnen der russischen Moderne zeigte. Auf positive Resonanz stießen auch die Präsentationen von Künstlern der Nachkriegszeit, darunter "Dan Flavin: Architektur des Lichts" und "Mountains and Sea und die Jahre danach: Helen Frankenthaler 1956-1959".
Das Einzigartige am Deutsche Guggenheim Berlin ist jedoch, dass wir bedeutende Auftragsarbeiten an zeitgenössische Künstler vergeben. Diese aus Renaissance und Barock bekannte Form der Kunstförderung ist heute eher selten. Deshalb erweist es sich für viele zeitgenössische Künstler als sehr schwierig, größere Projekte nach ihren Vorstellungen zu verwirklichen. Dies zu ermöglichen und unsere Kultur wieder durch engagierte Kunstförderung zu bereichern, ist die perspektivische Aufgabe am Beginn des neuen Jahrtausends. Dieses Ziel setzte sich das Deutsche Guggenheim Berlin als Partnerschaft zwischen der Deutschen Bank und der Solomon R. Guggenheim Foundation. Seit ihrer Gründung vor mehr als 130 Jahren ist die Deutsche Bank der bildenden Kunst und ihrer Förderung verpflichtet. Sie unterstützt Ausstellungen in Museen weltweit und sammelt seit 1979 zeitgenössische Kunst. Die 1937 ins Leben gerufene Solomon R. Guggenheim Foundation, die heute ein internationales Netzwerk von Museen in den Vereinigten Staaten und Europa unterhält, ist ihren vier Grundprinzipien stets treu geblieben: Sammlung, Erhaltung, Interpretation und Präsentation von Objekten der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Beide Institutionen verfolgen engagiert und erfolgreich ihre individuellen Ziele, aber gemeinsam können die Deutsche Bank und Solomon R. Guggenheim Foundation noch mehr bewegen. "Diese Partnerschaft gibt uns die Möglichkeit, die klassischen Rollen in der Kunst - das Unternehmen als Sponsor und das Museum als Verwalter - zu überwinden. Obwohl wir beide Kunst sammeln, können wir nun durch unsere Zusammenarbeit als Katalysator für künstlerische Produktionen wirken", so Lisa Dennison, stellvertretende Direktorin und leitende Kuratorin des Guggenheim Museums.
Bislang hat das Deutsche Guggenheim Berlin fünf Künstler beauftragt, Projekte für den Ausstellungsraum zu entwickeln. Bei der Konzeption dieses Programms haben wir uns bewusst für Künstler entschieden, die verschiedene Nationalitäten, individuelle Erfahrungen und unterschiedliche Medien repräsentieren.
Die erste Auftragsarbeit wurde an James Rosenquist vergeben. Rosenquist, einer der bedeutendsten amerikanischen Pop-Art Künstler der sechziger Jahre, schuf ein monumentales, aus drei Teilen bestehendes Wandgemälde. Zugeschnitten auf den klaren Ausstellungsraum des Museums ließ die Arbeit an den Wänden eine Art Panoramabild entstehen, das den Betrachter umschloss. Die spiralförmigen Strudel, die sich über die gesamte Fläche des Bildes ziehen, verliehen ihm eine außergewöhnliche Dynamik und zeugen von der völlig neuen Entwicklung in der Bildsprache des Künstlers. "The Swimmer in the Econo-mist" stellt, so Rosenquist, "den Tumult unserer Wirtschaft" dar - das Auf und Ab der Finanzwelt, das heute überall auf der Welt erfahren wird, besonders im wiedervereinigten Deutschland und in den Vereinigten Staaten.
Mit dem zweiten Projekt wurde Andreas Slominski beauftragt. Der erfolgreiche deutsche Künstler zeigte eine streng angelegte, aber doch spielerische Installation aus verschiedenen Skulpturen, die eine obsessive, fast absurde Zerbrechlichkeit besaßen. Eine der Skulpturen spielte metaphorisch auf die verlockende, aber trügerische Natur der Kunst an. Die funktionstüchtige Vogelfalle, die auf den ersten Blick wie ein statisches Kunstwerk wirkt, offenbart erst bei näherer Betrachtung ihre bedrohlichen Zweck: Sie könnte jederzeit zuschnappen. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin entwickelte Slominski zudem einen Mechanismus, der einen Löffel Hustensaft sicher zu befördern vermag. Dieses Projekt realisierte er als Installation und als Video. Mit einer weiteren Arbeit verließ er den Ausstellungsraum und pflanzte den Stumpf einer Linde mitten auf der Promenade "Unter den Linden" vor dem Museum. Mit seinen "Fallen" und ungewohnten Eingriffen in das Stadtgefüge und den Museumsraum eröffnete Slominski einen ebenso unkonventionellen wie kritischen Blick auf die Dinge.
Auf lebensgroßen Schwarzweiß-Fotos zeigt der japanische Künstler Hiroshi Sugimoto in seiner Serie "Portraits" Wachsfiguren historischer Persönlichkeiten. In dieser dritten Auftragsarbeit des Deutsche Guggenheim Berlin isoliert er die Wachsbildnisse und nimmt sie mit einer Lichtregie auf, die an Rembrandt-Porträts erinnert, beschreitet Sugimoto einen völlig neuen Weg in seiner künstlerischen Arbeit. Die wie gemalt erscheinenden, äußerst detailgetreuen Fotografien erinnern an Gemälde von David, Holbein, Leonardo, van Dyck und Vermeer, die ihrerseits als Vorlage für die Wachsfiguren dienten. Die traditionelle Präsentationsform von Sugimotos Fotografien im Deutsche Guggenheim Berlin erinnert an altehrwürdige Porträtgalerien und tritt so in Dialog mit den klassischen Museen der Stadt.
Lawrence Weiner, ein Bildhauer, dessen Medium die Sprache ist - hat für das Deutsche Guggenheim Berlin eine zweisprachige Installation und ein Künstlerbuch mit dem Titel "NACH ALLES/AFTER ALL" geschaffen. Der amerikanische Konzeptkünstler stellte 1968 die These auf, dass die Ausführung eines Kunstwerks für dessen Existenz unerheblich sei, und revolutionierte damit die herrschende Definition des Kunstwerks. Obwohl das Projekt nicht ortsspezifisch angelegt war, wurde es speziell für den Ausstellungsraum des Museums entwickelt. Für die Installation wurden verschiedene Texte direkt auf die Wände aufgebracht. "NACH ALLES/AFTERALL" ist inspiriert von Weiners Interesse am Werk des in Berlin geborenen Naturforschers und Entdeckers Alexander von Humboldt. Dessen umfangreiche wissenschaftliche Klassifizierungssysteme veranlassten den Künstler, die alltäglichen Materialien seiner Umgebung und deren Anordnung neu zu erforschen.
Die jüngste Auftragsarbeit des Deutsche Guggenheim Berlin ist "Easyfun-Ethereal", eine Bildserie des amerikanischen Künstlers Jeff Koons, der seit Ende der siebziger Jahre ein außergewöhnliches, die komplexe Kultur des Westens reflektierendes Oeuvre geschaffen hat. Mit Reproduktionen, Werbeanzeigen und persönlichen Fotografien kombiniert Koons vertraute, aber nicht immer zusammenhängende Bilder zu collageartigen Ölbildern von fotorealistischer Perfektion. Mit Motiven wie lachenden Deli-Sandwiches, spiralförmig sich windenden Achterbahnen, feucht glänzenden Lippen und losen Haarsträhnen und -zöpfen stellen die Arbeiten eine Mischung aus Spaß und Phantasie dar. Koons' Bilder erinnern zunächst an die Pop-Art der sechziger Jahre, ihre kunsthistorischen Bezüge reichen aber von Renaissance, Barock und Rokoko bis zu Surrealisimus und Abstraktem Expressionismus. Mit seiner neuen Werkgruppe verfolgt der Künstler eine doppelte Strategie: Indem er sich modernster Computertechnologie bedient, wendet er sich der Zukunft zu, bleibt aber gleichzeitig den künstlerischen Traditionen der Vergangenheit verbunden.
Mit seinen unterschiedlichen Projekten und dem konsequenten Auftragsprogramm tritt das Deutsche Guggenheim Berlin nicht nur in der Rolle eines Mäzens für Gegenwartskünstler auf, sondern leitet auch Öffentlichkeitsarbeit für sie. Begleitend zu jedem Auftragswerk gibt das Museum umfangreiche Kataloge, Prospekte und andere Publikationen heraus, ebenso werden umfassende Werbekampagnen gestartet. Ausstellungsübernahmen von Museen in anderen Städten erschließen unseren Projekten auch außerhalb von Berlin ein breites Publikum. Mit seinem beispielhaften Engagement als Sponsor und Promoter ist das Deutsche Guggenheim Berlin wegweisend in der zeitgenössischen Kultur. Auch in Zukunft ist es dem Deutsche Guggenheim Berlin besonders wichtig, Künstler zu fördern, die Verwirklichung ihrer Visionen zu unterstützten sowie der zeitgenössischen Kultur Impulse zu geben.

Thomas Krens ist Direktor der Solomon R. Guggenheim Foundation, New York